Mobbing

„Liebe Grüße Ana“ eine gelungene Eigenproduktion der Theater-AG des Friedrich-Abel-Gymnasiums


Einsamkeit, Selbstzweifel und Geringschätzung der eigenen Person – diese Gefühle belasten Jugendliche, die Opfer von Mobbing werden. Harmlose Äußerungen hört man als negative Aussagen über sich selbst, zweifelt an Freunden und Familien und fühlt nur endlose Traurigkeit. Für Betroffene ist das schrecklich und oft nur mit psychologischer Hilfe zu überwinden. Gleichzeitig empfinden gute Freunde und Familienmitglieder von Mobbingopfern oft Schuldgefühle, dass sie die Anzeichen für die psychische Belastung nicht oder ihrer Meinung nach zu spät bemerkt haben.
Die Nachrichten sind voll davon, dass die psychischen Probleme von Jugendlichen sich seit der Pandemie vervielfacht haben. Doch trotz dieses Wissens sind psychische Probleme oft noch ein Tabuthema. Das nahmen sich die Schülerinnen und Schüler der Theater-AG des Friedrich-Abel-Gymnasiums zum Anlass, diesem Themenkomplex die diesjährige Aufführung zu widmen. „Uns ist aufgefallen, dass das Thema oft vermieden wird“, so die Mitglieder der Theater-AG, „darum wollten wir es aufgreifen und zeigen, dass niemand alleine durch schwierige Situation gehen sollte und auf die Hilfe von Freunden und Familie bauen kann, wenn man sich schwach oder einsam fühlt.“
„Es war allein die Initiative der Schülerinnen und Schüler“, sagten Katharina Broszat und Sarah Wolf, die Leiterinnen der Theater-AG. „Wir hatten eigentlich andere Pläne, aber die Schülerinnen und Schüler kamen nach den Sommerferien auf uns zu und teilten uns mit, dass sie sich in den Ferien bereits getroffen hätten und eine erste Fassung für ein eigenes Theaterstück geschrieben hätten. Das ist der Traum für jeden AG-Leiter, darum haben wir natürlich zugestimmt.“Theater
Von diesem Beginn war es allerdings noch ein weiter Weg bis zu den gelungenen Aufführungen des Theaterstücks „Liebe Grüße Ana“ am 4. und 5. März 2024 in der Peterskirche. Der Text musste noch mehrfach überarbeitet, Rollen gestrichen und hinzugeschrieben, theatrale Ausdrucksformen geprüft, verändert und auch verworfen werden, bis am Ende der Text, die Rollen, die Bilder und die ganze Inszenierung der Eigenproduktion stand. „Es war anstrengend, aber es hat sich sehr gelohnt.“ Da sind sich alle Mitstreiter der Theater-AG sicher. Die Story, auf die man sich am Ende einigte, ist so gesehen schnell erzählt:Theater_2
Viola, ein Mädchen um die 16 Jahre, bekommt in der Schule und auch in der Freizeit böse Briefe und verletzende Kommentare über ihre Social Media Accounts. Sie hat zunehmend das Gefühl, dass sie alleine ist und keiner sie mag. So zieht sie sich immer mehr auch von ihren Freundinnen und der Familie zurück, verstummt schließlich ganz und muss in psychologische Behandlung. Die Freunde und die Familie sind davon völlig überrascht und machen sich Vorwürfe, dass sie die Probleme der Freundin und Schwester nicht früher bemerkt haben. Sie suchen einen Weg, Viola zu helfen und kommen so der Mobberin auf die Spur. Hier zeigt sich nun allerdings, dass auch diesen bösen Taten eine tiefe Verletzung zugrunde liegt, so dass das Ende des Stücks nicht in ein Schwarz-Weiß-Bild oder einfache Erklärungen für komplexe Ursachen bösen Handelns und psychische Probleme abgleitet.
„Dass Freundschaft bestimmt der erste Schritt zur Hilfe für die Betroffenen ist, war mir ganz wichtig am Ende unseres Stückes zu zeigen“, so Naelle Capron aus der 9. Klasse, die die schwierige Rolle der sich immer isolierter fühlenden Viola übernommen hatte. Sie brachte die Verzweiflung und die Einsamkeit sehr überzeugend auf die Bühne. Auch, dass Betroffene oft unbedachte oder harmlose Aussprüche negativ auf sich beziehen und so das Gefühl der Ausgeschlossenheit verstärkt wird, sollte bei der Inszenierung verbildlicht werden. Zu diesem Zweck traten immer wieder Weißmasken auf, die die negative Selbstwahrnehmung Violas darstellen sollten und zeigten, dass so die eigene Psyche der Betroffenen das tatsächliche Mobbing-Erlebnis in seinem zerstörerischen Tun noch unterstützt.Theater_3
Nachdem die erste Hälfte des Stücks vor allem dem Abgleiten in die Isolation von Viola gewidmet war, standen im zweiten Teil die Selbstvorwürfe und die Wut der Freunde auf die Täterin sowie die Motive der Täterin im Mittelpunkt. „Ich habe den gleichaltrigen Bruder sehr gerne gespielt“, sagte Anastas Asenov aus der Jahrgangsstufe, „wie er einerseits im ersten Teil nur genervt von seiner Schwester ist, die sich für ihn einfach nur zickig verhält, und dann aber im zweiten Teil auf der Bühne wirklich emotional werden darf, wenn er verzweifelt ist, sich Vorwürfe macht oder kurz davor ist, handgreiflich zu werden, als er erfährt, wer seiner Schwester so übel mitgespielt hat. Gerade Jungs sollten viel offener ihre Gefühle zeigen, das wollte ich auch auf der Bühne rüberbringen.“ Die Bandbreite der Gefühle von Hass bis Wehmut und schlechtem Gewissen musste auch Alexandra Odenbreit aus der Kursstufe auf die Bühne bringen, die die Rolle der „bösen“ Anastasia übernommen hatte. „Mir hat die Dualität in Anastasias Rolle sehr gefallen, dass ich in Monologen auch die Seiten zeigen konnte, die sie eigentlich nicht preisgeben wollte, sie auch verletzlich und verletzt zu sehen ist und nicht einfach nur gemein.“Theater_4
Diese Emotionalität und Glaubwürdigkeit der Schauspieler und des Textes waren es auch, was alle Mitspielenden und die gesamte Aufführung auszeichnete. „Man merkt so deutlich, dass es das Thema der Schüler war“, sind sich die beiden Leiterinnen der Theater-AG einig. „Wir hatten am Anfang etwas Bedenken, ob wir der Komplexität, Wichtigkeit und Schwere des Themas auch gerecht werden, doch die Schülerinnen und Schüler haben wirklich alle zusammen eine grandiose Leistung gezeigt.“
Und so sah dies auch das Publikum: Es gab Standing Ovations und sogar die ein oder andere Träne im Zuschauerraum. Eltern, Lehrern, Mitschüler, Freunde und Familien waren sich einig: Man sollte sich häufiger solch drängender Fragen der Gegenwart auch im Schülertheater annehmen. Vor allem, wenn es am Ende ein solch gelungenes Werk wird.

 

Bericht verfasst von Sarah Wolf